Anerkennung der Diplome in der Europäischen Union

Der Vertrag über die Europäische Union sieht in Artikel 8A den freien Verkehr der EU-Bürger vor. Dieser freie Verkehr bedeutet insbesondere das Recht auf die Ausübung einer Erwerbstätigkeit als Arbeitnehmer oder Selbständiger und das Recht der Jugendlichen und der Studierenden auf Ausbildung in den Ländern der Europäischen Union und den Unterzeichnerstaaten des Abkommens über den Europäischen Wirtschaftsraum.

Die Ausübung dieses Rechts auf Mobilität ist häufig mit der beruflichen oder akademischen Anerkennung eines im Herkunftsland oder in einem anderen europäischen Land erworbenen Abschlusses verbunden.

 

Berufliche Anerkennung

Akademische Anerkennung

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Berufliche Anerkennung



Die Situation hinsichtlich dieser Anerkennung ist unterschiedlich, je nach dem ob der angestrebte Beruf im Gastland reglementiert ist, d.h. ob er vom Besitz eines oder mehrerer, in diesem Land erteilten Abschlüssen abhängt, oder keiner nationalen Reglementierung unterliegt.

Die EU-Gesetzgebung hat eine automatische Anerkennung der Diplome durch die Anwendung branchenspezifischer Richtlinien für einige Berufe vorgesehen, die vorwiegend  im medizinischen Bereich und im Heil- und Pflegebereich liegen. Was die anderen reglementierten Berufe anbelangt, hat die Europäische Kommission zwei Richtlinien 89/48 EWG und 92/51 EWG über ein allgemeines System zur Anerkennung der Abschlüsse verabschiedet. Dank dieser Richtlinien kann jede ausreichend qualifizierte Person die Anerkennung ihrer in ihrem Heimatland erworbenen Berufsqualifikation erhalten, um in einem anderen Mitgliedsstaat den reglementierten Beruf auszuüben. Diese beiden Richtlinien führen keine Regelung einer automatischen Anerkennung der Diplome ein, denn die ausreisende Person kann Ausgleichsmaßnahmen unterworfen werden, wenn bedeutende Unterschiede zwischen ihrer Ausbildung und der für die Berufsausübung im Gastland erforderlichen Ausbildung festgestellt werden. Es gibt in jedem Mitgliedsstaat eine bestimmte Anzahl von reglementierten Berufen. Alle Auskünfte über diese Berufe und über die Zugangsverfahren können bei der Kontakt- und Informationsstelle für die Anwendung der Richtlinien erhalten werden.

Unterliegt der Beruf keiner Reglementierung im Gastland, ist die Beurteilung des Diploms und des beruflichen Niveaus Sache des Arbeitgebers. Es kann dem Arbeitnehmer dennoch Schwierigkeiten bereiten, seine berufliche Qualifikation ihrem wahren Wert entsprechend anerkennen zu lassen und eine Stelle von entsprechendem Niveau zu erhalten. In diesem Fall kann er sich an die Informationszentren des jeweiligen Gastlandes wenden. In jedem europäischen Land gibt es nationale Informationszentren, die an das NARIC-Netzwerk (National Academic Recognition Information Centres) angeschlossen sind und befugt sind, Fragen zu beantworten und Niveaubescheinigungen auszustellen. In einigen Ländern existieren Zentren, die ausschließlich Auskünfte über die berufliche Anerkennung der Diplome geben.

Akademische Anerkennung

Mit der akademischen Anerkennung kann ein Jugendlicher oder Studierender sein Studium in einem Mitgliedsstaat im Rahmen einer individuellen oder organisierten Mobilität (EU-Bildungsprogramme SOKRATES oder LEONARDO, bilaterale Austauschprogramme, usw.) aufnehmen oder fortführen.
In diesem letzteren Fall ist die Anerkennung der Diplome allgemein in den Austauschabkommen oder durch die Anwendung des europäischen Systems zur Anrechnung von Studienleistungen (ECTS) vorgesehen.

In den meisten europäischen Ländern sind die Hochschuleinrichtungen hinsichtlich der Zulassungsentscheidung unabhängig. Einige Länder haben jedoch ein zentralisiertes System bewahrt, das die Entscheidungsbefugnis dem für das Hochschulwesen zuständigem Ministerium (Belgien, Spanien, Finnland, Luxemburg) oder speziell dafür gegründeten Organen (Griechenland) überlässt.

Die EU-Mitgliedstaaten und EWR-Staaten haben die multilateralen Konventionen des Europarats über

  • den Zugang zu den Hochschuleinrichtungen (11. Dezember 1953),
  • die Gleichwertigkeit der Studienabschnitte (15. Dezember 1956),
  • die akademische Anerkennung der Hochschulqualifizierungen (15. Dezember 1959) und die Konvention der Region Europa der UNESCO über die Anerkennung der Hochschulstudien und -diplome in den Staaten der Region Europa (21. Dezember 1979) unterzeichnet.

Eine einmalige Konvention Europarat / UNESCO über die Anerkennung der Hochschulqualifikationen in der europäischen Region als Ersatz für die bestehenden Konventionen wurde von der diplomatischen Konferenz in Lissabon am 11. April 1997 verabschiedet.

Die europäischen Informationszentren

Diese Zentren haben die Aufgabe, alle nützlichen Informationen über die Anerkennungsverfahren in den verschiedenen Ländern zu geben. Die Organisation ist je nach Land unterschiedlich. Wenn nur ein einziges Zentrum genannt ist, informiert es über die akademische und die berufliche Anerkennung und ist ebenfalls die "Kontaktstelle" für die Information über die reglementierten Berufe. Ihre Liste kann auf der Webseite des ENIC-NARIC-Netzes aufgerufen werden.